Urlaub mit der Großfamilie: Bedürfnisse verstehen

Die Tage werden kürzer, der Alltag rückt näher, und mit ihm kommen neue Termine, neue Routinen, neue Erwartungen. Bald ist wieder Schule und daher eine gute Zeit den Urlaub mit der Großfamilie zu reflektieren und Bedürfnisse zu verstehen. Denn, wer im Sommer mit der Großfamilie im Urlaub war, merkt jetzt im Rückblick oft besonders stark: Wie unterschiedlich unsere Vorstellungen davon sind, was „gute gemeinsame Zeit“ eigentlich bedeutet.

Gemeinsamer Urlaub mit der Großfamilie kann sehr bereichernd sein und gleichzeitig alte Muster, unterschiedliche Bedürfnisse und unausgesprochene Erwartungen sichtbar machen.

Heute möchte ich den Urlaub ein bisschen reflektieren: Was macht diese Zeit mit uns? Wo entsteht Nähe, wo Spannung? Und was können wir daraus für den Alltag mitnehmen

☀️Die helle Seite: Warum gemeinsamer Urlaub so wertvoll sein kann

Wenn ich auf die letzten Sommer zurückschaue, wird mir klar: Gemeinsame Urlaubstage mit den Eltern können sehr bereichernd sein und viele Bedürfnisse erfüllen:

  • Nähe, insbesondere wenn man weit auseinanderlebt.
  • Unterstützung, insbesondere mit Kleinkindern – für viele ist Urlaub gar nicht wirklich „Urlaub“, wenn man allein ist: Zu den Alltagslasten kommt das Navigieren in einer fremden Umgebung, veränderte Routinen, anderes Essen. Als mein Kind unter sechs war, kam Alleinurlaub für mich nicht in Frage.
  • Lebendigkeit und Spaß: gemeinsames Essen, Spielen, Entdecken, Geschichten erzählen.
  • Vielleicht so etwas wie Erdung, Rückkehr zu den Wurzeln.

In guten Momenten spüre ich: Hier darf ich sein, hier darf ich mich unterstützen lassen, hier darf ich Gemeinschaft erleben.

Und gleichzeitig gibt es auch eine Schattenseite. Denn die Bedürfnisse können manchmal scheinbar nicht gut miteinander passen. Insbesondere weil viele von uns oft auf der Strategie-Ebene reden und darin festgesteckt bleiben.

🌘Typische „Schatten“-Situationen – erkennst du dich wieder?

Wenn ich den Urlaub im Nachhinein betrachte, oder mit Freund*innen rede, tauchen bestimmte Muster immer wieder auf:

  • Die Tochter erzieht ihre Kinder anders als ihre Eltern es getan haben.
    Die Großeltern mischen sich ein – aus Sorge, Gewohnheit oder einem anderen Verständnis von Fürsorge.
  • Die junge Familie möchte mehr auf den natürlichen Rhythmus der Kinder achten, statt ständig Programm zu machen. Die ältere Generation ist der Meinung: Man soll so viel besichtigen wie möglich und wenn man Urlaub gemeinsam macht, geht es nicht, dass ein Teil auf Besichtigung geht und ein anderer Teil in der Ferienwohnung bleibt.

Alle wollen eine schöne gemeinsame Zeit – aber niemand sagt genau, was er oder sie dafür braucht.
Im Moment selbst fühlt sich das oft nach Stress, Enttäuschung oder stiller Resignation an.

Erst im Rückblick wird klar: Da waren ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Spiel, und sehr wenig Raum, sie offen anzusprechen. Auch wenig Erfahrung und Übung.

Ein paar Gedanken, wie wir bei Urlaub mit der Großfamilie Bedürfnisse besser verstehen.

Vor dem Buchen klar werden

Es ist (wäre) hilfreich, schon vor dem Buchen etwas genauer hinzuschauen.

  • Was ist mir wichtig?
  • Was ist den anderen wichtig?
  • Was erhoffen sich die potenziellen Urlauber*innen von dem gemeinsamen Urlaub?
  • Wie können möglichst viele Bedürfnisse erfüllt werden?
  • Welche Strategie braucht es dafür?

Je konkreter wir hier werden, desto weniger Konfliktpotenzial aufgrund enttäuschter Erwartungen bleibt im Nachhinein.

So konkret wie möglich werden – ein Beispielszenario

Ein solches klärendes Vorbereitungsgespräch könnte ungefähr so klingen:

Erwachsene/r Tochter/ Sohn:
„Wir laufen schon das ganze Jahr über Termine nach. Im Urlaub ist es mir wichtig, dass die Kinder mehr Raum zum Sein bekommen, ihren Rhythmus erleben und auch ihren Nachmittagsschlaf halten können. Und ich möchte mit ihnen gute Zeit haben und sie nicht ständig anzerren. Für mich ist es daher stressig, wenn wir jeden Tag Ausflüge machen. Wie ist das für euch?“

Großeltern:
„Aber wenn wir uns schon so selten sehen und dann noch den gemeinsamen Urlaub separat verbringen, was ist dann der Sinn? Außerdem: Warum so viel Geld ausgeben, wenn wir nur am Pool oder auf dem Sofa herumliegen?“

Tochter (in GFK-Haltung):
„Ja, ich höre, dass ihr wirklich gerne viel Zeit miteinander verbringen möchtet und eure Enkel genießen wollt. Und dass euch auch ein achtsamer Umgang mit Ressourcen wichtig ist. Wie können wir einen möglichen gemeinsamen Urlaub so gestalten, dass Gemeinschaft erlebt wird und gleichzeitig Entschleunigung, Beziehung und ein achtsamer Umgang mit unseren finanziellen Ressourcen?“

Genau an solchen Stellen entscheidet sich, ob der Urlaub als verbindend oder als belastend erlebt wird.

Nach den Urlaub als Reflexionsraum nutzen

Ich lade dich ein, deinen Sommer bzw. Urlaub Revue passieren zu lassen, und dich zu fragen:

  • Wo habe ich mich wirklich erholt gefühlt?
  • Wo war ich eher erschöpft, auch wenn ich „frei“ hatte?
  • Welche Bedürfnisse waren für mich im Urlaub wichtig – und welche davon wurden erfüllt, welche nicht?
  • Wo bin ich in alte Muster gerutscht: schnell urteilen, schweigen, anpassen, explodieren?
  • Was würde ich beim nächsten Mal anders machen: im Urlaub, im Gespräch, in der Planung?

Der Urlaub ist vorbei. Aber die Fragen, die er aufwirft, bleiben. Und genau hier kann Gewaltfreie Kommunikation ansetzen: nicht als Technik, sondern als Einladung, genauer hinzuschauen. Auf dich, auf die anderen, auf das, was zwischenmenschlich lebt.

Du merkst, dass du solche Situationen gerne anders angehen möchtest, weißt aber noch nicht genau, wie?

Dann ist die Modulreihe Sag, was Du WIRK-LICH meinst ein guter Startpunkt: Sie beginnt mit „Vom Urteil zu Neugier“ wo wir lernen, Beobachtungen zu finden, die verbinden statt zu urteilen, und aufbauen mit Gefühle, Bedürfnisse und Bittem. Genau das, was in der Dialog-Situation oben zwischen Tochter und Großeltern den Unterschied macht.

Die Reihe läuft regelmäßig in kleinen Gruppen in Wien.

Du hast schon Module bei mir besucht oder erste GFK-Grundlagen und möchtest dranbleiben?

Dann komm in die Übungsgruppe oder in den Empathie-Kreis – Räume, um das Gelernte an echten Alltagssituationen zu vertiefen und in Verbindung mit anderen zu üben, statt es nur zu wissen.

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