Empathie im Alltag: Warum wir Verbindung blockieren – Das Paradox Empathie III

Im letzten Beitrag hast du das Launch-Meeting vor Augen gehabt: Alle nicken, niemand stellt eine Frage – und irgendwo im Raum denkt jemand still „Das ist unrealistisch.“ Dieser stille Rückzug passiert nicht, weil Menschen gleichgültig sind. Er passiert, weil die Verbindung fehlt – und damit der Raum, etwas Schwieriges auszusprechen.

Zwei Frauen sitzen sich gegenüber – eine hört still und aufmerksam zu, während die andere spricht.
Aufmerksam zuhören

In diesem dritten Teil zoomen wir näher heran: Was macht Empathie für uns persönlich so herausfordernd, und welche Muster springen fast automatisch an, wenn uns jemand etwas Schweres erzählt?

Vielleicht kennst du das selbst: Jemand teilt etwas Schweres mit dir – und bevor du es merkst, hörst du dich sagen: „Das wird schon wieder“ oder „Hast du schon versucht…?“

Kommt dir das bekannt vor?

Diese häufigen spontanen Reaktionen sind Empathie-Blocker und sie hindern Verbindung.

Hier einige typische Empathie-Blocker im Alltag und was sie bei der anderen Person auslösen.

Eine Bekannte erzählt dir über Schwierigkeiten in ihre Ehe und du sagst „Dein Mann liebt dich doch, mach die keine Sorgen!“

Was löst es aus?
Wenn du mich tröstest oder mein Erleben kleiner machst, bevor du mir wirklich zugehört hast, fühle ich mich oft allein oder nicht okay. Ich erzähle mir dann, dass du mit dem, was ich erzähle, nicht klarkommst und dass meine Gefühle übertrieben sind – und das belastet mich.

Eine Kollegin erzählt, dass sie es gerade schwer hat mit ihrem Teenager. Die andere Kollegin, die schon zwei Kinder großgezogen hat, sagt: „Wichtig ist, Grenzen setzen, lass dich nicht auf der Nase tanzen!“

Was macht das mit der Beziehung?
Wenn du mir ungefragt einen Rat gibst, während ich einfach nur erzählen möchte, fühle ich mich nicht gleichwertig. Und wenn du Lösungen anbietest, bevor ich meine Gefühle und Bedürfnisse geklärt habe, fühle ich mich unter Druck, sofort zu reagieren.

Dein Schulfreund teilt dir mit rauer Stimme und glasigen Augen mit, dass sein Vater an Krebs erkrankt ist. Du antwortest: „Mann, das tut mir leid, komm, lass uns auf ein Bier gehen.“ Oder „Es erinnert mich daran, als meine Mutter Brustkrebs hatte.“

Was folgt daraus?
Wenn du ablenkst, während ich dir meine Trauer anvertraue, wirkt es, als wäre sie nicht berechtigt. Erzählst du stattdessen deine eigene Geschichte oder setzt noch eins drauf, fühlt sich mein Erleben schnell weniger wichtig an – und ich teile beim nächsten Mal vielleicht gar nichts mehr.

Wenn ich mich so fühle, nachdem ich dir etwas erzählt habe, werde ich in Zukunft lieber nichts mehr erzählen.

Weitere Empathie-Blocker sind z.B.:

  • Belehren („Schau, was du draus lernen kannst, dann nimmst du es nicht so schwer“)
  • „Verhören“ („Wann war das? Wie…?“)
  • Bemitleiden („Oh je, du Arme*r“)
  • Erklären („Ich wollte nicht stören, sonst hätte ich…“)
  • oder Verbessern („So war es nicht, ich habe etwas anderes gehört“)

„Verstehen beginnt mit Empathie, und Empathie beginnt mit Zuhören.“

Ein paar Erklärungen: warum wir oft Verbindung blockieren wenn wir da sein wollen.

Warum reparieren wir eher als zuhören?
Weil wir darauf trainiert sind!
Wir haben gelernt: Problem -> Lösung.

Warum trösten wir eher als zuhören?
Weil wir es schwer aushalten, wenn es jemandem nicht gut geht.
Wir sind programmiert: „Es geht dir schlecht“ -> „Ich muss dir helfen, „wieder gut“ zu sein.“

Oder vielleicht kommen diese Impulse, weil du den Eindruck hast, etwas sagen zu müssen. Weil du Sorge hast, sonst gleichgültig oder uninteressiert zu wirken.

Frau sitzt nachdenklich an einem Tisch mit Kaffee – ein Moment des Innehaltens und Reflektierens.

Das war bei mir lange so: Wenn eine Freundin mir von etwas erzählte, das sie gerade sehr belastete, ich war betroffen und hatte kein Wort. Und ich dachte, ich müsste etwas Kluges sagen. Ich habe gelernt, dass es nicht stimmt. Manchmal reicht einfach Präsenz und ein Ohr.

Diese Dynamiken begegnen uns nicht nur am Küchentisch. Auch im Meeting, wenn jemand ein Bedenken äußert und prompt eine Lösung bekommt, statt gehört zu werden. Oder im Jahresgespräch, wo jemand Erschöpfung anspricht – und der Refleximpuls der Führungskraft ist: aufmuntern, relativieren, weitermachen.

Empathie ist eine echte Schlüsselkompetenz

Wenn du deine Zuhör-Kompetenz und deine Wahrnehmungskompetenz schulst, wirst du in der Lage sein, Dinge zu merken und ansprechen zu können, die sonst verschwiegen blieben und doch eine Wirkung gehabt hätten.

Nutzt du diese Superkraft in deinem Führungsalltag? Oder in der Familie?

Bist du bereit auszuprobieren?

Empathie üben – 3 Alltagssituationen

Du erkennst dich in einem der Muster? In diesem PDF findest du drei konkrete Situationen zum Nachdenken – und die Frage, welche Reaktion dir vertraut ist.

Reflexionsimpuls

Wie oft gibst du ungefragt einen Ratschlag, wenn dir jemand etwas Schweres erzählt oder in einem Dilemma steckt? Könntest du das nächste Mal, wenn du diesen Ratschlag-Impuls spürst, kurz innehalten, einmal tief atmen und dich fragen: Warum habe ich gerade den Impuls, einen Rat zu geben? Welches Bedürfnis von mir möchte ich erfüllen? Ist es Beitrag? Harmonie? Sicherheit? Oder was anderes?

Inhalt
    Ondine-Delevelle-Portrait-empathische-Kommunikation-Wien

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